Ich habe die Hoffnung,
Nikolaus Harnoncourt –
dass der Wunsch der Menschen nach einem
innig intensiven Umgang mit Musik
wieder stärker in den Vordergrund tritt.
In einem Gespräch anlässlich seines 75. Geburtstages
Erweiterung des Tonsystems? Warum und wozu?
Die Frage nach einer Verwandlung unseres herkömmlichen Tonsystems ist nicht erst heute akut, sie durchzieht bereits das ganze 20. Jahrhundert. Das musikalische Bedürfnis hiernach hat offenbar mit einem inneren Wandlungsprozess des modernen Menschen zu tun.
Die Skalen der verschiedenen Zeiten und Völker sind ein Spiegel verschiedener Bewusstseins-Verfassungen. Die Entwicklung der vergangenen 5000 Jahre zeigt, wie die Musik von einem unbewussten Ekstase-Erlebnis immer mehr zum Ausdruck seelischer Innerlichkeit geworden ist, die in der Romantik des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht hat.
Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts macht sich eine Ablehnung des nur innerlich-seelisch Gefühlhaften bemerkbar zugunsten einer Suche nach neuer Objektivität.
Das im Abendland etappenweise gewachsene zwölftönige System wird von nicht wenigen Musikern als Einengung empfunden. Davon zeugt das Interesse an Volksmusik verschiedener Länder mit speziellen Intervallen und am Oberton-Singen. Insgesamt stehen sich in der zeitgenössischen „klassischen“ Musik zwei Tendenzen gegenüber: Einerseits geht es um die Auflösung der alten Tonbeziehungen bis hin zur beliebigen Aufsplitterung des Tonsystems in den verschiedenen mikrotonale Bestrebungen, andererseits wird in der Postmoderne an alten Strukturen festgehalten, die nur neu und anders eingesetzt werden. Wir stehen an der Scheidegrenze zwischen Auflösung und Erstarrung des Tonsystems. Gibt es einen Mittelweg?
Die Anregungen, die Rudolf Steiner den Musikern zu Anfang des 20. Jahrhunderts gab, ermöglichen einen Durchblick in die geistigen Kräfte, die unser Tonsystem so werden liessen, wie es – trotz „Moderne“ – heute immer noch ist; zugleich werden dabei aber auch Wege aufgezeigt, wie dieses so gewachsene Tonsystem weiter ausgestaltet werden kann, ohne geistsubstanztragende Strukturen zu zerstören. Heiner Ruland (1934-2017) hat diese Anregungen in seinem Lebenswerk ausgearbeitet. Als Komponist, Musikforscher, Musikpädagoge und Musiktherapeut hat er gezeigt, wie alle musikalischen Elemente künstlerisch- phänomenologisch neu ergriffen und erfüllt werden können. Von dieser Grundlage geht unsere Initiative zur Erneuerung der Musikkultur aus.
Es geht bei diesem Neugreifen und Neuerfüllen der musikalischen Elemente vor allem um eine Einbeziehung von bestimmten „Naturtönen“, die sich als „Alphorn-Fa“, als „Naturseptime“ und „persische Sext“ nur noch in uralter Volksmusik – z.B. im Balkan und in den Alpen – erhalten haben. Mittels Einbezug dieser Intervalle in unser abendländisches Tonsystem wird dieses von den beiden genannten Tendenzen der Auflösung und der Erstarrung erlöst und bis in das rhythmische und harmonische Element hinein verlebendigt. Diese Töne, äusserlich-physikalisch in der Naturtonreihe veranlagt, sowie deren innerlich-seelische Qualitäten, die von vielen Menschen als heilsam erlebt werden, schlummern bis zu einem gewissen Grade noch „unerhört“ in jedem Menschen. Sie hörbar und in ihren seelischen Qualitäten erfahrbar zu machen, führt zu einem unserer heutigen Bewusstseins-Verfassung gemässen Erwachen in Bezug auf die musikalischen Elemente. Dies zu ermöglichen und zu fördern, ist unser Anliegen.
